Von: FELIX ARNOLD
06.07.2023 - 09:13 Uhr
Über fünf Jahre war Rouven Kasper (41) beim FC Bayern für das Asien-Geschäft zuständig, seit Januar 2022 ist er Marketingchef beim VfB. In BILD spricht Kasper über den Porsche-Deal, die finanzielle Situation des Vereins und die Ziele für die Zukunft.
BILD: Seit Ihrer Ankunft beim VfB kämpft der Verein gegen den Abstieg. Was wünschen Sie sich für die neue Saison?
Rouven Kasper: Es ist sicher nicht unser Anspruch, jedes Jahr gegen den Abstieg zu spielen. Da sind wir uns alle einig: So kann und wird es nicht weitergehen. Wir müssen uns im Mittelfeld stabilisieren und uns dann wieder dorthin entwickeln, wo der Verein hingehört. Und das ist definitiv nicht der Tabellenkeller, sondern deutlich weiter oben. Über allem steht, dass wir den Fans für ihre sensationelle Unterstützung wieder etwas zurückgeben.
BILD: Neben Mercedes engagiert sich fortan auch Porsche beim VfB. Wie wichtig ist dieser Deal für den VfB?
Kasper: Das ist ein Meilenstein für uns als Klub. Wir wollen hier gemeinsam etwas Großes schaffen, ein Zeichen setzen. Dass sich zwei Weltkonzerne aus demselben Segment in einem Verein engagieren, ist einmalig. Egal, in welchem Sport.
BILD: Hohe Umsatzverluste, geschmolzenes Eigenkapital. Kann der VfB durch das frische Geld von der Intensivstation wieder auf die Normalstation verlegt werden?
Kasper: Sagen wir es so: Durch den Deal mit Porsche und Mercedes-Benz konnten wir aus der Reha entlassen werden und jetzt wieder mit dem Training beginnen.
BILD: Was bringt das Engagement von Porsche dem VfB darüber hinaus?
Kasper: Der Deal hilft uns, im Hier und Jetzt Löcher zu stopfen, den Verein wieder auf stabile Beine zu stellen. In den letzten Jahren waren wir relativ unflexibel, was unsere Finanzmittel angeht. Deshalb haben wir Investitionen in zukunftsrelevante Themen wie Digitalisierung oder Infrastruktur einfach verpasst. Jetzt haben wir eine andere Basis, um den Verein weiterzuentwickeln. Das motiviert auch andere Unternehmen, bei dieser Bewegung dabei zu sein.
BILD: Dazu hat der VfB einen Deal mit dem Sportrechtevermarkter Sportfive abgeschlossen. Wurde damit die Seele des Vereins verkauft oder sein Überleben gesichert?
Kasper: Letzteres. In unserer Situation brauchst du Planbarkeit. Diese gibt uns der Deal mit Sportfive mit einem mittleren zweistelligen Millionenbetrag pro Saison, was für die Lizensierung und Finanzplanung elementar ist. Bei dieser Entscheidung ging es darum, ob wir einen siebenstelligen Betrag in die Optimierung der Vertriebsstruktur investieren und das komplette Risiko selbst tragen, oder ob wir uns absichern. Das haben wir getan, uns dabei aber nicht verkauft. Wir haben wie bisher Produkt, Preis und Auswahl der Partner selbst in der Hand und bleiben der größte Vermarkter des Klubs.
BILD: Wie kommen Sie auf der Suche nach einem Trikotsponsor voran?
Kasper: Bis zum Trainingsauftakt werden wir es nicht mehr schaffen. Wir sind aber mitten in Gesprächen mit verschiedenen Interessenten. Was uns dabei hilft, ist die positive Entwicklung des Klubs. Für uns ist die regionale Story für Unternehmen und potenzielle Partner total spannend, wir wollen aber auch für internationale Player interessant sein. Am Ende geht es darum, welches Unternehmen dazu bereit ist, unseren Weg mitzugestalten und unsere Story mitzuschreiben. Bis zum ersten Pflichtspiel werden wir einen Trikotsponsor haben.
BILD: Gibt es für Sie irgendwelche Denkverbote, z.B. Wettanbieter? Oder landet am Ende der, der das meiste Geld bezahlt, auf der Brust des VfB?
Kasper: Wenn es uns darum gehen würde, wer am meisten Geld bezahlt, hätten wir schon längst einen Trikotsponsor. Es geht neben den natürlich wichtigen Einnahmen auch darum, woher das Geld kommt, ob alles seriös und valide ist. Deshalb gibt es Branchen und geopolitisch auch Regionen, die für uns ein No-Go sind. Schön wäre es, wenn wir jemanden aus der Region finden würden. Das passt einfach perfekt zur Geschichte, die wir gerade schreiben. Aber wir blicken auch darüber hinaus.
BILD: Das limitierte Heimtrikot war innerhalb von drei Tagen ausverkauft. Trotz sportlichem Misserfolg rennen die Fans dem VfB die Bude ein. Haben Sie eine Erklärung für die Euphorie?
Kasper: Was hier in den letzten Jahren passiert, ist schon etwas sehr Besonderes. Selbst zu Zweitliga-Zeiten sind die Zahlen bei den Mitgliedern und im Merchandising gestiegen. Bei anderen Klubs definierst du dich nur über Erfolge, über Titel. Wenn du die nicht gewinnst, gehen alle Zahlen nach unten. Beim VfB ist es anders, was die Stärke dieser Stadt, der Region und unserer ganz besonderen Fanbasis zeigt.
BILD: Beim FC Bayern waren Sie unter anderem dafür zuständig, den asiatischen Markt zu erschließen, vor allem in China. Wie helfen Ihnen diese Erfahrungen für die Arbeit beim VfB?
Kasper: Es macht niemanden blöder, wenn er mal aus der Komfortzone rausgeht und über den Tellerrand hinaus schaut. In den fünfeinhalb Jahren in Asien durfte ich die Kultur, Geschäftsgebaren und tolle Menschen kennenlernen. Ich habe dort etwas aufgebaut, diese Expertise hilft mir für die vielen Gespräche, die ich führe. Wir als VfB müssen wieder größer denken, neue Themenfelder erschließen.
BILD: Mit Wataru Endo, Hiroki Ito und Genki Haraguchi spielen zum ersten Mal drei Japaner beim VfB. Ist dieser Markt für den VfB deshalb besonders interessant?
Kasper: Unsere Zielmärkte sind Japan, China, USA, Indien und die Türkei. Das haben wir klar definiert. Wir sind aber offen für Neues, wenn es sportlich und wirtschaftlich Sinn ergibt. Mit Japan haben wir eine besondere Geschichte, Guido Buchwald und Cacau haben dort gespielt. Aktuell sind drei Topspieler aus Japan bei uns, darunter der Kapitän der Nationalmannschaft. Zuletzt haben wir die U11 zu Shonan Bellmare (Endos Jugendklub/Anm. d. Red.) geschickt, weil wir die Spieler genau dort abholen wollen. Ein Beispiel: Watarus Elternhaus lag früher direkt neben der Gaststätte des Vereins, wurde von Spielern belagert. Solche Geschichten sind authentisch, schaffen Identifikation.
BILD: In Fernost und in den USA bleibt das beherrschende Thema die Premier League, nicht die Bundesliga. Wie schafft es der VfB, das Interesse der Leute zu wecken?
Kasper: Die Wahrnehmung des VfB im Ausland wird unterschätzt. Als wir im November in den USA waren, war ich begeistert. Wir haben unterschiedliche Events veranstaltet und es waren immer zwischen 200 und 300 Fans dabei. Sowohl Deutsche, die mit uns geflogen sind, als auch Amerikaner aus Fanclubs, die wir noch gar nicht in unserer Kartei hatten. Sich deren Geschichten anzuhören, war faszinierend. Das hast du auch in Japan, wo wir inzwischen Millionen an Reichweiten über unsere eigenen Social Media Kanäle aufgebaut haben.
BILD: Als Alexander Wehrle im April 2022 zum VfB kam, war das Thema Internationalisierung noch ein weißes Blatt. Warum ist es so wichtig, dass der Verein hier Fortschritte macht?
Kasper: Wir sind bei diesem Thema immer noch am Anfang. Das bedeutet: Wir haben noch kein Buch geschrieben, sondern fangen gerade erst mit dem Vorwort an. Alex und ich kennen diese Arbeit und wissen beide, wie wichtig das Thema ist, für uns als Klub, aber auch für die Liga. Die Bundesliga kann beim Blick auf das TV-Geld nur international noch stark wachsen. Dabei dürfen wir uns nicht immer nur darüber aufregen, dass die anderen Ligen oder Klubs so weit sind, sondern müssen selbst aktiv werden. Das geht nur, wenn wir als deutscher Fußball auch den Anspruch entwickeln, international aktiv zu sein. Beispiel: Wenn bei der Generalversammlung der Kommission Internationalisierung der DFL von 36 Klubs nur zwölf da sind und nur drei Klubs in der Sommerpause im ferneren Ausland unterwegs sind, braucht sich keiner wundern, dass da nicht so viel Geld fließt und die Engländer so stark sind.